Im ersten Teil fasst der Autor den gegenwärtigen Stand der Erzählforschung zu den "Jahrestagen" zusammen. Im zweiten Teil untersucht er die Erzählkomposition des Romans strukturalistisch. "Jahrestage", so seine These, sei grundsätzlich bipolar strukturiert. Die einzelnen Elemente seien kontrastierend gegeneinander montiert und führten so zu der semantisch offenen Struktur. Der Leser sei aufgefordert, die vorgegebenen Segmente zusammenzufügen. Der Roman präsentiere Meinungen/Perspektiven, die erst der Leser bewerte.
Der Autor entwickelt die bisherige Forschung weiter und weiß sich mit eigenen Ansichten zu positionieren, die dem Leser einen neuen Blick auf die "Jahrestage" eröffnen. Die Analyse ist nicht rein formal, sondern sie versucht direkt am Text, formale Aspekte als inhaltliche Aussagen zu bestimmen. Die Komposition der "Jahrestage", so sein Resümee, verweise darauf, dass das moderne Subjekt zwar eine gegebene Welt vorfinde, diese aber perspektivisch divergierend interpretiere.

Matthias Wilde, geb. 1969, studierte Sozialpädagogik, Germanistik, Philosophie und Kulturwissenschaften an der Universität Bremen. Zur Zeit arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für kulturwissenschaftliche Deutschlandstudien (Leitung: Prof. Dr. Wolfgang Emmerich) an der Universität Bremen.

Matthias Wilde
Analyse der Erzählstruktur von Uwe Johnsons "Jahrestage"
ISBN 10: 3-936846-28-6
ISBN 13: 978-3-936846-28-7
116 S. 12 EUR. 2003



Foto und Umschlaggestaltung:
Alexandra Scharf


Einleitung . . . . . 11
Editionsgeschichte und Inhalt der "Jahrestage"
Theoretische Ausrichtung: Die kontextuelle Wertzuweisung (de Saussure)
Inhaltliche Übersicht meiner Arbeit

I. Erzählanalysen zu "Jahrestage": Stand der Forschung . . . . . 19
I.1 Die Erzählsituation als Rückfall in den Realismus des 19. Jahrhunderts (Neumann 1978)
I.2 Der auktoriale Erzähler und die Ich-Erzählerin als typische Erzählsituationen (Pokay 1985)
I.3 Die Ich-Erzählerin Gesine und der assistierende Autor-Erzähler (Hoesterey 1983)
I.4 Das archaische Erzählen (Bürger 1992)
I.5 Der auktoriale Erzähler als fundamentale Erzählsituation (Fries 1990)
I.6 Erweiterter Monoperspektivismus (Auerochs 1994)
I.7 Die hypotaktische Erzählsituation zwischen Genosse Schriftsteller und Gesine (Mecklenburg 1997)
I.8 Die polyphone fluktuierende Erzählfunktion (Butzer 1998)
I.9 Zusammenfassung: Von der typischen Erzählsituation zur fluktuierenden Erzählfunktion

II. Analyse der Erzählstruktur in "Jahrestage" . . . . . 53
II.1 Fünf Elemente des modernen Romans
Ich-Auflösung als Moment der gestischen Figur
Aufgelöste Erzählperspektive
Moderne Literatur ist gegenüber Sprache skeptisch
Paradigmatische und syntagmatische Beziehungen
Semantische Offenheit als Kompositionsprinzip
II.2 Die bipolare Struktur der "Jahrestage"
Die Dichotomie /Großstadt New York/ vs. /Kleinstadt Jerichow/
Die Dichotomie /New York Times/ vs. /Fiktion Jerichow/
II.3 Die Erzählperspektive
Die eigenständige Ich-Erzählerin Gesine
Die bipolare Erzählung: Zwei gleichwertige Erzähler
II.4 Die Analyse des ersten Jahrestags: Ein Kompositionsmuster
Erstes Element: paradigmatische und syntagmatische Verknüpfung
Zweites Element: Das Rückerschließen von Zusammenhängen
Drittes und viertes Element: Bipolare und offene Erzählposition
Fünftes Element: Semantische Offenheit
Sechstes Element: Diskursivität mit Einschluß des Lesers
Das zeitliche Gerüst
Der Vertrag zwischen Gesine und Genosse Schriftsteller als Teil des bipolaren Erzählers
Die Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition (Proust)
Der Zufall (New York Times) als siebtes Konstruktionselement
II.5 Die Kompositionsstruktur der Tageseinheiten
Die Erzählform zeigt den Gegensatz: /innere Entwicklung/ vs. /äußere Deformation/
Die auktoriale Erzählposition drückt ein distanziertes Verhältnis zwischen Gesine und Francine aus
Gesine reflektiert ihr Erzählen
Die mündliche Kommunikationssituation 'Gesine - Marie' kippt in eine literarische Kommunikationssituation 'Erzähler - Text - Leser'
Varianten des Erzählschemas rhythmisieren den Erzählfluß
Die Fiktion Jerichow ist primär thematisch und sekundär chronologisch erzählt
II.6 Die Sprache in "Jahrestage"
Verdichtete Sprache mit Verweisungscharakter
Polyphonie durch Vielsprachigkeit
Asyndetische Parataxe als Element der Tiefenstruktur
Die Ellipse als Element der Tiefenstruktur
II.7 Schluß: Ellipse und Antithese als Elemente der Tiefenstruktur in "Jahrestage"

Siglen- und Literaturverzeichnis . . . . . 113